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Schmerzforum Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation gaben
30% der Befragten an, daß sie im zurückliegenden Jahr mindestens sechs Monate
lang "die meiste Zeit" unter einem
Schmerz litten. Neben dem Leid der
Betroffenen verursacht ein chronischer Schmerz enorme
volkswirtschaftliche Kosten. Allein die schmerzbedingten Arbeitsausfälle
summieren sich in Deutschland innerhalb eines Jahres auf ca. 20 Milliarden
Euro.
Die Bundesregierung kommt in einer Studie zum Ergebnis, daß ein erheblicher
Teil der Patienten mit einem chronischen
Schmerz in Deutschland bis heute nicht
optimal gesundheitlich versorgt werden, obwohl entsprechende medizinische
Kenntnisse und Verfahren verfügbar sind.
Was ist Schmerz?
Die Definition der IASP (International
Association for the Study of Pain) von 1986 lautet:
Ohne Schmerz ist kein Leben vorstellbar. Der
Schmerz hat primär die Aufgabe, unser Leben, unsere Gesundheit zu
schützen. Ein Schmerz warnt uns vor einer Gefahr. Dabei kann es sich um
schädigende Einwirkungen handeln die von außen kommen, aber auch in uns selbst
entstehen können.
-
Schmerz aufgrund "äußerer"
Schädigungen: mechanische, chemische, thermische oder inhalative (=
durch Einatmung hervorgerufene) Verletzungen
-
Schmerz aufgrund "innerer"
Schädigungen: Entzündungen,
Durchblutungsstörungen, Tumore, Krämpfe,
Entstehung von krankhaften Stoffwechselprodukten
Leider gibt es aber auch einen Schmerz, der keine
Warnfunktion (mehr) ausübt, er hat sich verselbständigt und ist so zu
einer
Schmerzkrankheit
geworden.
Die Einstellung zum Schmerz und damit auch
zur
Schmerztherapie hat sich im
Laufe der letzten Jahrhunderte entscheidend gewandelt. Während im Mittelalter
das Ertragen von Schmerz oft als Nähe zum Schicksal Jesus Christi erlebt und
vom Umfeld gewürdigt wurde und somit das Erdulden von Schmerz eine ehrenvolle
und von Gott auferlegte Bürde war, änderte sich diese Ansicht im Rahmen der
Aufklärung und der folgenden Jahrhunderte bis hin zur heutigen Einstellung, daß
ein Schmerz, der über ein gewisses Maß hinausgeht und der vor allen Dingen einen
gewissen zeitlichen Rahmen überschreitet, eine Art Fehlfunktion des menschlichen
Nervensystems und damit eine zu korrigierende Krankheit darstellt.
In der modernen
Schmerz
therap
ie
unterscheidet man den akuten Schmerz von chronischen
Schmerzerkrankungen. Ein akuter Schmerz wird meist durch eine Gewebeschädigung
hervorgerufen und geht parallel zur Ausheilung des Gewebeschadens wieder zurück.
Er ist daher selbstbegrenzend und erfüllt meist eine sehr sinnvolle Warnfunktion
sowie edukatorische Funktionen (= zwingen
häufig in eine bestimmte Schonhaltung, sie weisen auf die schädliche Wirkung
toxischer Stoffe hin etc.).
Die Behand
lung eines akuten Schmerzes,
einschließlich der postoperativen
Schmerz
therap
ie, stellt heute ein gut
beherrschbares Problem dar, da die zur Verfügung stehenden
Analgetika
(=
Schmerzmedikamente) in der Regel
gut wirksam sind. Bei sehr starken Schmerzzuständen, wie beispielsweise nach
einer Operation, kommen häufig auch
Opioide (=
morphinähnliche
Schmerzmittel) erfolgreich zum Einsatz.
Die eigentliche Herausforderung in der
Schmerz
therap
ie stellen hingegen
ein chronischer Schmerz (= lang andauernder
Schmerz)
dar.
Die Behand
lung eines chronischen Schmerzes wirft
erhebliche diagnostische (= Erkundung der Schmerzursache),
sozialmedizinische (vor allem arbeitsmedizinische) und therapeutische Probleme
auf. Der chronische Schmerz wird mit der Zeit zu einem zunehmend
eigenständigen Krankheitsbild ("Schmerzkrankheit"), das die körperlichen,
seelischen und sozialen Fähigkeiten des Patienten zunehmend einschränkt.
- Typisch ist auf körperlicher Ebene die
schmerz
bedingte Zunahme der Bewegungsarmut, das Einnehmen von Schonhaltungen mit
entsprechenden Fehlbelastungen der Gelenke und muskulären Strukturen sowie die
Durchführung von nicht indizierten (= nicht gut begründeten)
operativen Eingriffen (iatrogene
Schädigung = vom Arzt verursacht Schädigung).
-
Auf seelisch-emotioneller Ebene
spielen vor allen Dingen depressive Verstimmungen, das Gefühl einer zunehmenden
Ohnmacht, Müdigkeit und Erschöpfung sowie Angst vor weiteren Einschränkungen
eine entscheidende Rolle.
Bei stärker chronifizierten Schmerz-Patienten bilden
sich zudem vegetative (= das unterbewußte Nervensystem
betreffende) Beschwerden wie vermehrtes Schwitzen, innere Unruhe,
Tachykardien (= schneller Puls), Ein- und
Durchschlafstörungen, Sodbrennen und Globusgefühl (=
"Kloßgefühl im Hals") aus.
- Die zwischenmenschlichen (sozialen) Einschränkungen
beziehen sich sowohl auf das familiäre Umfeld als auch auf den Freundeskreis
und die Arbeitswelt. Durch die o.g. Leistungseinschränkungen wird eine
gleichberechtigte Interaktion häufig verhindert und der Kranke mit einem chronischen Schmerz sieht sich häufig mit Konflikten in der Familie, im Arbeitsverhältnis sowie im
Freundeskreis konfrontiert. Am Ende kann das zu einem weitgehenden Rückzug und
zu erheblichen finanziellen Problemen führen.
Beim chronischen Schmerz kommt es häufiger zu einer Entkopplung
des Schmerz es von der Gewebsschädigung
bzw. es gibt keine nachweisbare primäre Gewebsschädigung (mehr).
Ein Beispiel hierfür ist ein persistierender (=
anhaltender) Schmerz nach einer „gelungenen“
Laminektomie
(= eine
Bandscheibenoperation), d.h. ein
Postlaminektomie-Syndrom.
Als
Beispiel für einen Schmerz ohne ein entsprechendes somatisches (=
körperliches) Korrelat sei hier die
somatoforme Schmerzstörung
genannt. Neuere Daten weisen darauf hin, daß 12 Millionen Bundesbürger in
ihrem Leben zumindest vorübergehend unter einer somatoformen
Schmerzstörung
leiden!
Der Begriff der
Schmerzs
törung wurde im
Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen, DSM-III
(American Psychiatric Association - APA, 1980) erstmals verwendet. Was ein Schmerz ist, kann man sich vorstellen - was aber ist unter einer Störung zu
verstehen? Der Begriff Störung soll einen beobachtbaren Komplex von Symptomen (=
Krankheitszeichen) oder
Verhaltensauffälligkeiten anzeigen, der immer auf der individuellen und oft
auch auf der zwischenmenschlich-sozialen Ebene mit Belastung und
Beeinträchtigung von Funktionen verbunden ist.
Dominiert medizinisch ein unerklärbarer Schmerz
das klinische Bild eines Patienten, so wird ihm innerhalb der Gruppe der
Störungen seit 1980 ein eigener diagnostischer Status als
Schmerzs
törung
eingeräumt. Die Bezeichnung somatoforme Störungen dient als Oberbegriff
für eine Gruppe von Personen, bei denen medizinisch unklare körperliche
Symptome im Vordergrund der klinischen Symptomatik stehen. Neben der
Schmerzs
törung
gehört beispielsweise auch die Hypochondrie zur Gruppe der somatoformen Störungen.
Aufgrund der komplexen Problematik beim
chronischen Schmerz entstand zunehmend das Bedürfnis nach einer zusätzlichen Qualifikation zur
Betreuung dieser chronischen Schmerz-Patienten. 1996 wurde von der
Bundesärztekammer in Deutschland die Zusatzbezeichnung „Spezielle
Schmerztherapie“ verabschiedet. Diese Zusatzqualifikation kann von
patientenorientierten Fachärzten erworben werden und setzt eine 80-stündige
standardisierte theoretische Weiterbildung sowie die hauptamtliche ganztägige
Arbeit in einem Ausbildungszentrum für „Spezielle
Schmerz
therap
ie“ (Schmerzklinik)
für mind. 1 Jahr voraus. Die Zusatzbezeichnung „Spezielle
Schmerz
therap
ie“
wird erst nach einer mündlichen Prüfung seitens der Landesärztekammer
vergeben.
Eine solche Ausbildung / Weiterbildung
(praktische und theoretische) bieten z.B. in Bad Mergentheim gleich 2 Kliniken
an:
Folgende Krankheitsbilder werden
sinnvollerweise von Fachärzten mit Zusatzbezeichnung „Spezielle
Schmerz
therap
ie“ behandelt/mitbehandelt:
|
Kopfschmerzen:
Migräne mit Aura, Migräne ohne Aura,
Cluster-Kopfschmerz, |
|
Spannungskopfschmerz,
paroxysmale Hemikranie |
|
Gesichtsschmerz:
Trigeminusneuralgie,
atypischer Gesichtsschmerz, |
|
Costen-Syndrom
(myofaziale Dysfunktion), Dentalgie (= Zahnschmerz) |
|
Rückenschmerzen:
Zervikobrachialgie (mittleres und unteres
HWS-Syndrom |
|
Zervikozephalgie,
(oberes HWS-Syndrom),
BWS-Syndrom, |
|
LWS-Syndrome,
Beckenringsyndrom,
Postdisketomiesyndrom |
|
(= Schmerz
en nach einer Bandscheibenoperation),
Lumboischialgie,
Ischiasbeschwerden |
|
Piriformissyndrom,
Sakralgie,
Koccygodynie
(=
Steissbeinschmerz) |
|
Gelenkschmerz:
Periarthritis humeroscapularis, chronifiziertes |
|
Impingement-Syndrom,
Ellenbogenschmerzen,
Epicondylopathia |
|
radialis und ulnaris („Tennisellenbogen /
Golferarm“), |
|
Handgelenksschmerzen und
Fingerschmerzen, Schmerz en bei
Heberdenarthrose, |
|
Bouchard-Arthrose,
Coxarthrose,
Gonarthrose, |
|
Schmerz
en der Sprung- und Fußgelenke |
|
Muskuläre
Schmerzsyndrome:
Fibromyalgie,
generalisiertes
myofasziales Schmerzsyndrom |
|
Ansatztendinose,
Tortikollis spasticus
(=
Schiefhals) |
|
Entzündliche
Schmerzerkrankungen: bes. rheumatischer Formenkreis |
|
Neuropathischer
Schmerz
(= durch
Nervenschäden verursachter
Schmerz): |
|
Stumpfschmerzen und
Phantomschmerz,
Kausalgie
(CRPS Typ
II), Schmerz
en |
|
nach
Schlaganfall,
Schmerz
en bei kompletter oder inkompletter |
|
Querschnittsyndrom
(zentrale
Schmerzsyndrome),
Schmerz
en bei
Plexusausriss, |
|
Schmerz
en nach Leistenhernienrevisionen mit
Nervenschädigungen, |
|
Polyneuropathie,
postzosterische Neuralgie (=
Gürtelrose),
Interkostalneuralgie |
|
und andere
Neuralgien |
|
Sympathalgie
(= vom sog. autonomen Nervensystem ausgehende Schmerz en):
|
|
Sudeck
Dystrophie (CRPS
Typ I),
Kausalgie
(CRPS Typ II) |
|
Viszerale
Schmerzsyndrome: insbesondere
Bauchschmerz
bei |
|
Verwachsungsbauch
sowie bei nicht eindeutig zuzuordnenden und |
|
daher nicht
kausal (= ursächlich)
angehbaren
Bauchschmerzen |
|
Ischämischer Schmerz
(= Schmerz aufgrund einer
Durchblutungsstörung)
ohne
Möglichkeit |
|
einer kausalen
(= auf die Ursache gerichteten)
Therapie bzw. Begleittherapie |
|
Tumorschmerzen |
|
Psychogene
Schmerzerkrankungen:
somatoforme
Schmerzstörung |
|
Algogenes
Psychosyndrom (=
beschreibt die Eingrenzung und Zentrierung |
|
des
persönlichen Erlebens auf die Schmerzerkrankung) |
Die „Spezielle
Schmerz
therap
ie“ ist
aufgrund der Beeinträchtigung sowohl körperlicher als auch seelischer und
sozialer Fähigkeiten durch eine chronische Schmerzerkrankung auf multimodale
Therapiekonzepte ausgelegt. Diese beinhalten u. a.:
- Information über die
Erkrankung
-
Medikamentöse
Schmerzbehandlung (u.a.
Schmerzmittel,
schmerzlindernde
Psychopharmaka, auch als
Infusionen, individuell ausgetestet)
-
Therapeutische
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel
bzw.
Lokalanästhetika)
in Form von Infiltrationen und
Nervenblockaden,
evtl. auch rückenmarknahe Blockaden, auch
kontinuierlich mit Katheter
- Physiotherapie (Krankengymnastik und andere Anwendungen)
bei Funktionseinbußen
-
Akupunktur
- TENS-Therap
ie
(schmerzlindernde elektrische Ströme, die von einem kleinen tragbaren
Gerät abgegeben werden)
-
Psychologische Therapieverfahren
(bes. Entspannungsverfahren
und
Schmerzbewältigungstraining)
-
Bei Beteiligung der Wirbelsäule auch Chirotherapie
- evtl. diätetische Maßnahmen entspr. der
Grundkrankheit
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